Zu Beginn sollte man wissen, dass Geschlecht, Gender und Identität unterschiedliche Konzepte sind. Die einzelnen Bereiche meinen im kurzen erklärt das Folgende:
– Geschlecht: Biologischer Zustand einer Person (männlich, weiblich, intersexuell).
– Geschlechtsidentität: Subjektives Wissen zu zugehörigem Geschlecht (männlich, weiblich, transgender, usw.).
– Gender: Öffentliche Rolle als Junge, Mädchen, Mann oder Frau.
– Genderrolle: Äußerer Ausdruck der Geschlechtsidentität.
Traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit beeinflussen geschlechtsspezifisches Rollenverhalten, obwohl heutzutage mehr kulturelle Akzeptanz für Menschen besteht, die nicht in diese klassische Zweiteilung passen möchten. Begriffe wie „Genderqueer“ oder „Nonbinary“ werden zunehmend genutzt. Geschlechterrollen können sich zudem von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. Der Begriff „Cisgender“ bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.
In westlichen Kulturen wird nicht-konformes Verhalten bei Mädchen oft toleriert, während unmännliches Verhalten bei Jungen weniger akzeptiert ist. Kinder, die nonkonformes Verhalten zeigen, entwickeln normalerweise keine Geschlechtsdysphorie im Erwachsenenalter, obwohl Jungen, die dauerhaft nonkonform sind, sich häufiger als homosexuell oder bisexuell identifizieren können.
Kurzübersicht: Genderdysphorie
Bei den meisten Menschen stimmen biologisches Geschlecht, Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle überein. Bei Menschen mit Genderdysphorie besteht jedoch ein Widerspruch zwischen biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität.
Die Geschlechtsinkongruenz selbst wird nicht als Störung betrachtet. Einige in der Transgender-Community sehen extreme Nichtübereinstimmungen mit dem Geburtsgeschlecht als normale Variation der menschlichen Geschlechtsidentität. Wenn dieses Missverhältnis jedoch erhebliches Leid verursacht, kann die Diagnose Genderdysphorie relevant sein. Der Fokus liegt auf dem Leiden, nicht auf der Geschlechtsinkongruenz selbst, dass oft Ängste, Depressionen und Reizbarkeit umfasst.
Personen mit schwerer Genderdysphorie, können starke Wünsche nach medizinischen und/oder chirurgischen Eingriffen haben, um ihren Körper ihrer Geschlechtsidentität anzupassen.
Schätzungen deuten darauf hin, dass etwa 0,005 bis 0,014% der geburtsgeschlechtlichen Männer und 0,002 bis 0,003% der geburtsgeschlechtlichen Frauen die Kriterien für Genderdysphorie erfüllen. Viele, die sich als transgender identifizieren, erfüllen jedoch nicht diese Kriterien.
Der Begriff „Transsexualität“ wird nicht mehr verwendet. Einige sehen Genderdysphorie als medizinischen Zustand mit psychiatrischen Symptomen, nicht als primäre psychische Störung. Andere in der Transgender-Gemeinschaft betrachten extreme Geschlechtsinkongruenz als seltene, normale Varianten der Geschlechtsidentität.
Ätiologie – Mögliche Ursachen und Auslöser
Die Geschlechtsidentität wird weitgehend von biologischen Faktoren wie der genetischen Veranlagung und dem pränatalen hormonellen Milieu beeinflusst. Studien zur Gehirnbildgebung haben gezeigt, dass Menschen mit Genderdysphorie funktionelle und anatomische Unterschiede aufweisen, die eher mit ihrer gefühlten Geschlechtsidentität als mit ihrem Geburtsgeschlecht übereinstimmen. Die Ausprägung einer stabilen Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle wird jedoch auch von sozialen Faktoren beeinflusst, wie der Qualität der emotionalen Bindung zu den Eltern und der Beziehung, die jeder Elternteil zum Kind hat. Einige Forschungen zeigen eine höhere Übereinstimmungsrate für Genderdysphorie bei eineiigen im Vergleich zu zweieiigen Zwillingen, was auf eine vererbbare Komponente für Geschlechtsinkongruenz hindeutet.
In seltenen Fällen kann Genderdysphorie mit uneindeutigem Genital (intersexuellen Bedingungen oder Störungen der sexuellen Entwicklung) oder genetischen Aberrationen wie dem Turner-Syndrom oder dem Klinefelter-Syndrom verbunden sein.
Wenn die Geschlechtszuweisung und -erziehung verwirrend sind, insbesondere bei uneindeutigem Genital oder genetischen Syndromen, die das äußere Erscheinungsbild beeinflussen, könnten Kinder unsicher bezüglich ihrer Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle werden. Die Rolle von Umweltfaktoren in diesem Zusammenhang ist jedoch Gegenstand kontroverser Diskussionen. Bei konsistenter Geschlechtszuweisung und -erziehung scheint selbst das Vorhandensein unklarer Geschlechtsmerkmale oft die Geschlechtsidentität eines Kindes nicht zu beeinflussen.
Symptome und Anzeichen von Genderdysphorie
Symptome der Genderdysphorie bei Kindern zeigen sich häufig im Alter von 2 bis 3 Jahren. Zu den Verhaltensweisen gehören die Vorliebe für Kleidung des anderen Geschlechts, das Bestehen darauf, dem anderen Geschlecht anzugehören, der Wunsch, mit dem anderen Geschlecht aufzuwachen, die Teilnahme an stereotypen Spielen und Aktivitäten des anderen Geschlechts sowie negative Gefühle gegenüber den eigenen Genitalien. Beispielsweise könnte ein kleines Mädchen darauf bestehen, einen Penis zu bekommen und ein Junge zu werden, während ein Junge davon träumen könnte, weiblich zu sein und typisch männlichen Aktivitäten aus dem Weg zu gehen.
Die chronische Natur der Genderdysphorie wird oft erst zwischen dem 6. und 9. Lebensjahr diagnostiziert. Jedoch bleibt nur eine Minderheit der diagnostizierten Kinder auch als Erwachsene geschlechtsdysphorisch. Es herrscht erhebliche Kontroverse darüber, wie der soziale und/oder medizinische Übergang von präpubertären Kindern mit Genderdysphorie unterstützt werden sollte, da keine eindeutigen Leitlinien vorliegen.
Bei Erwachsenen können Symptome der Genderdysphorie, die oft bereits in der Kindheit vorhanden waren, zu verschiedenen Zeiten im Leben auftreten. Einige Transfrauen beginnen als Cross-Dresser und akzeptieren erst später ihre geschlechtsspezifische Identität. Heirat und Militärdienst sind oft Strategien von genderdysphorischen Personen, die vor ihren transidenten Gefühlen fliehen. Sobald diese Gefühle akzeptiert und öffentlich gemacht werden, integrieren sich viele nahtlos in die gesellschaftliche Struktur ihres gefühlten Geschlechts. Einige, die eine weiblichere Erscheinung annehmen, haben damit Erfolg, während andere mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen haben, einschließlich Ängsten, Depressionen und suizidalem Verhalten, was oft auf gesellschaftlichen und familiären Stress zurückzuführen ist. Es gibt dokumentierte Ungleichheiten im Zugang zu Gesundheitsdiensten für genderdysphorische Menschen, die mit Armut und der Zurückhaltung von Ärzten bei der Bereitstellung angemessener Versorgung verbunden sind.
Diagnose: Genderdysphorie
Die Diagnose der Genderdysphorie, wie sie im DSM-5 definiert ist, berücksichtigt verschiedene Altersgruppen und zeigt unterschiedliche Ausdrucksformen. Um die Genderdysphorie zu diagnostizieren, müssen zwei Hauptmerkmale vorliegen: eine deutliche Inkongruenz zwischen dem angeborenen Geschlecht und der gefühlten Geschlechtsidentität, die mindestens sechs Monate lang anhält, und ein damit verbundenes klinisch bedeutendes Leiden oder eine Funktionsbeeinträchtigung.
Genderdysphorie bei Kindern
Für die Diagnose bei Kindern müssen zusätzlich zu den allgemeinen Merkmalen mindestens sechs der folgenden Kriterien erfüllt sein:
1. Ein starker Wunsch oder das Beharren darauf, dem anderen Geschlecht anzugehören.
2. Eine starke Präferenz für die Kleidung des anderen Geschlechts, wobei Mädchen möglicherweise Widerstand gegen das Tragen typisch weiblicher Kleidung zeigen.
3. Eine ausgeprägte Neigung zu Cross-Gender-Rollen beim Spielen.
4. Eine Vorliebe für Spielzeug, Spiele und Aktivitäten, die typisch für das andere Geschlecht sind.
5. Eine Vorliebe für Spielgefährten des anderen Geschlechts.
6. Eine Ablehnung von Spielzeug, Spielen und Aktivitäten, die typisch für das angeborene Geschlecht sind.
7. Eine ausgeprägte Unzufriedenheit mit der eigenen Anatomie.
8. Ein starkes Verlangen nach den primären und/oder sekundären Geschlechtsmerkmalen, die zur gefühlten Geschlechtsidentität passen.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Identifikation mit dem anderen Geschlecht nicht ausschließlich auf dem Wunsch nach vermeintlichen kulturellen Vorteilen basieren sollte. Beispielsweise könnte der Wunsch eines Jungen, ein Mädchen zu sein, um dieselbe spezielle Behandlung wie seine Schwester zu erhalten, nicht notwendigerweise auf Genderdysphorie hindeuten.
Genderdysphorie bei Erwachsenen
Die Diagnose der Genderdysphorie bei Jugendlichen und Erwachsenen erfordert, neben den allgemeinen Merkmalen für alle Altersgruppen, das Vorhandensein von mindestens einem der folgenden Kriterien:
1. Einen starken Wunsch, sich von ihren primären und/oder sekundären Geschlechtsmerkmalen zu befreien (bei jungen Heranwachsenden auch die Entwicklung zu verhindern).
2. Ein starkes Verlangen nach den primären und/oder sekundären Geschlechtsmerkmalen, die ihrer gefühlten Geschlechtsidentität entsprechen.
3. Ein starkes Verlangen, dem anderen Geschlecht anzugehören oder irgendein anderes Geschlecht.
4. Ein starker Wunsch, wie das andere Geschlecht behandelt zu werden.
5. Eine starke Überzeugung, dass sie die typischen Gefühle und Reaktionen des anderen Geschlechts haben.
Die Diagnose bei Erwachsenen legt besonderes Augenmerk auf das Feststellen von erheblichem Leidensdruck oder offensichtlicher Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen und anderen wichtigen Lebensbereichen. Es wird betont, dass die Geschlechtsinkongruenz allein nicht ausreicht, um die Diagnose zu stellen. Der Fokus liegt auf den damit verbundenen Schwierigkeiten und Beeinträchtigungen, nicht nur auf der Nichtübereinstimmung mit dem empfundenen Geschlecht.
Behandlungsmöglichkeiten
Für Patienten ab 16 Jahren können geschlechtsangleichende Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operationen in Erwägung gezogen werden, vorausgesetzt, es liegt die erforderliche Zustimmung vor.
Nicht-geschlechtskonformes Verhalten erfordert möglicherweise keine Behandlung, es sei denn, es geht mit psychischer Belastung oder Funktionsbeeinträchtigung einher. Ein solches Verhalten gilt nicht als Störung.
Eine Behandlung zielt darauf ab, das Leiden der Patienten zu lindern und bei der Anpassung zu helfen, anstatt ihre Identität zu ändern. Versuche zur Änderung der Geschlechtsidentität bei Erwachsenen gelten als unwirksam und unethisch.
In den meisten westlichen Kulturen beanspruchen Patienten mit Genderdysphorie eine weibliche Geschlechtsidentität. Fortschritte ermöglichen auch weiblich-zu-männliche Transgender in der medizinischen Praxis. Die Hauptziele sind hormonelle Behandlung und geschlechtsangleichende Operationen.
Das primäre Ziel ist nicht psychologische Behandlung, sondern die körperliche Anpassung an die empfundene Geschlechtsidentität. Die Kombination aus Psychotherapie, Hormontherapie, einem Jahr im empfundenen Geschlecht und Operationen kann heilend wirken, wenn die Störung richtig diagnostiziert wird und Pflegestandards befolgt werden.
Patienten müssen vor geschlechtsübergreifenden Verfahren nicht zwingend Psychotherapie in Anspruch nehmen. Psychologen können jedoch bei komorbiden Störungen, Stigmatisierung und Geschlechtsausdruck unterstützen.
Genderdysphorie bei männlichem Geburtsgeschlecht
Für Männer, die sich als Frauen identifizieren, können feminisierende Hormone wie Estradiol in moderaten Dosen und begleitende Maßnahmen wie Elektrolyse und Stimmtherapie dazu beitragen, sich besser an eine weibliche Geschlechtsrolle anzupassen. Diese Hormone zeigen positive Wirkungen auf die Symptome der Genderdysphorie, oft bevor sichtbare Veränderungen an sekundären Geschlechtsmerkmalen auftreten.
Einige Transfrauen entscheiden sich für geschlechtsangleichende Operationen, bei denen in der Regel Penis und Hoden entfernt und eine künstliche Vagina geschaffen wird. Dieser Schritt wird oft als medizinisch notwendig betrachtet und hat bei vielen Patienten zu einem positiven Lebenswandel geführt, trotz der sozialen Herausforderungen, die sich aus der Entscheidung ergeben können.
Für manche reicht die hormonelle Behandlung ohne Operation aus, um sich als Frau angenehm zu fühlen. Die Entscheidung für oder gegen eine geschlechtsangleichende Operation ist individuell und kann erhebliche soziale Anpassungsprobleme mit sich bringen, besonders in intimen Beziehungen. Nicht-genitale, geschlechtsspezifische chirurgische Eingriffe sind ebenfalls eine Option.
Begleitend zu medizinischen Maßnahmen können Teilnahme an Selbsthilfegruppen und unterstützende soziale Netzwerke wertvolle Ressourcen für Transfrauen sein.
Genderdysphorie bei weiblichem Geburtsgeschlecht
Frauen, die sich als Männer identifizieren, streben oft frühzeitig eine Mastektomie an, da das Leben in der männlichen Geschlechtsrolle mit einer bedeutenden Menge Brustgewebe oft herausfordernd ist. Die Nutzung von Brust-Bindern kann das Atmen erschweren.
Nach einem Vorlauf von androgenen Hormonen wie Testosteron können Hysterektomie und Ovarektomie durchgeführt werden. Testosteronpräparate haben dauerhafte Effekte wie die Vertiefung der Stimme, eine männlichere Muskel- und Fettverteilung, Klitorishypertrophie und das Wachstum von Gesichts- und Körperbehaarung.
Transmänner haben verschiedene Optionen, darunter die Schaffung eines künstlichen Phallus durch Phalloplastik, die Bildung eines Mikropenis durch Metoidioplastik oder die Durchführung beider Verfahren mit einer begleitenden Skrotoplastik. Diese chirurgischen Eingriffe können dabei helfen, eine bessere Anpassung und höhere Lebenszufriedenheit zu erreichen. Ähnlich wie bei Transfrauen wird oft eine Phase von mindestens einem Jahr in der männlichen Geschlechtsrolle empfohlen, bevor irreversible Genitaloperationen erwogen werden.
Es ist anzumerken, dass die Ergebnisse von Neophallus-Operationen in Bezug auf Funktion und Aussehen oft weniger zufriedenstellend sind als bei neovaginalen Eingriffen bei Transfrauen. Dies könnte erklären, warum Transmänner seltener eine geschlechtsbestätigende Operation in Erwägung ziehen. Mit fortschreitender Verbesserung der Phalloplastik-Techniken steigt jedoch das Interesse an diesem Verfahren.
Chirurgische Eingriffe bergen jedoch häufig Komplikationen, insbesondere wenn die Harnröhre in den Neophallus verlängert wird. Diese können Harnwegsinfektionen, Harnröhrenstrikturen, Fisteln und abweichende Harnstrahlen umfassen.
Abschließende Worte
Der vorliegende Artikel widmet sich dem Thema Genderdysphorie und bietet grundlegende Informationen dazu. Es ist jedoch zu betonen, dass Genderdysphorie ein äußerst komplexes und umfassendes Thema ist, bei dem dieser Text nur einen Teil beleuchtet. Niemand sollte sich ausgeschlossen oder angegriffen fühlen, da es sich um eine sensible Angelegenheit handelt.
Genderdysphorie betrifft individuelle Erfahrungen und Herausforderungen im Zusammenhang mit der Geschlechtsidentität. Es ist wichtig zu betonen, dass die hier bereitgestellten Informationen keinesfalls eine professionelle Beratung oder Diagnose ersetzen. Für detailliertere und auf Ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Informationen wird empfohlen, qualifizierte Fachleute zu konsultieren.
Erfahrene Therapeuten können Ihnen dabei helfen, Ihre individuelle Situation zu bewerten, eine genaue Diagnose zu stellen und eine angemessene Behandlungsstrategie zu entwickeln. Es ist von entscheidender Bedeutung zu verstehen, dass Genderdysphorie unterschiedliche Auswirkungen auf das Leben haben kann. Daher ist es ratsam, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um die richtige Hilfe zu erhalten.
