Überwindung der Vergangenheit – Die Komplexität eines Traumas

Wiederherstellung von Sicherheit nach traumatischen Erlebnissen

Viele Menschen, die ein traumatisches Lebensereignis (üb-)erlebt haben, möchten einfach nur die Erfahrung vergessen und hoffen, dass das Vergessen gleichbedeutend mit Überwindung ist. Es ist jedoch nicht möglich, entscheidende Lebenserfahrungen zu löschen oder sie tatsächlich einfach zu vergessen. Der menschliche Geist und Körper erinnern sich und verlangen nach Heilung. Die Heilung von den Wunden, die durch ein traumatisches Erlebnis zugefügt wurden, erfordert Zeit, Ausdauer und Glauben – den Glauben, dass man heilen wird, dass das Leben nicht immer so schmerzhaft sein wird und dass das Trauma nicht immer die eigene Identität bestimmen wird.

Wenn man ein traumatisches Erlebnis nicht einfach vergessen kann, wie heilt man dann? Der Prozess des Wachsens durch ein traumatisches Ereignis kann in drei quasi-lineare Stadien oder Phasen unterteilt werden (als Beispiel hierfür empfehle ich Ihnen das Werk von Judith Herman, für eine detaillierte Übersicht der Heilungsphasen). Menschen durchlaufen jede dieser Phasen auf ihrer Heilungsreise individuell, sodass auch das Tempo dieser entsprechend variiert. Auch wenn Sie mögliche vor- und zurück Bewegungen zwischen den Phasen erleben, ist dies ein Fortschritt. Dieses „Wiederbesuchen“ vergangener Phasen ist kein Rückschritt, sondern vielmehr ein integraler Bestandteil des Heilungsprozesses.

Der Beginn bezieht sich auf die Erkundung und Herstellung von Sicherheit, sowohl auf die Sicherheit in der Umgebung, als auch auf die Sicherheit in sich selbst. Diese erste Aufgabe der Heilung kann Tage, Wochen oder sogar Jahre dauern, bis sie fest etabliert ist. Die benötigte Zeit hängt sowohl von der Person ab, als auch davon, wie chronisch das traumatische Ereignis war. Im Allgemeinen dauert es umso länger, je länger jemand dem Trauma ausgesetzt war, um wieder ein Gefühl der Sicherheit zu entwickeln.
Insbesondere für Patienten die ein Trauma überlebten kann dies eine schwierige Phase sein, da möglicherweise eine dramatische Veränderung des Lebensstils des Überlebenden erforderlich ist.

ETABLIERUNG EXTERNER SICHERHEIT

Die Sicherheit in der eigenen Umgebung basiert auf einer sicheren Wohnsituation, die häufig mit ausreichender finanzieller Stabilität verbunden ist. Daher gehört eine der psychologischen Aufgaben der ersten Phase der Heilung dazu, ein ausreichendes emotionales Gleichgewicht zu entwickeln, um eine stabile, konsistente und produktive Beschäftigung zu gewährleisten. Sobald diese sichere Wohnsituation geschaffen ist, kann der Betroffene beginnen, seine Fähigkeiten zu verbessern, um sich in der Welt zurechtzufinden. Für manche Menschen umfasst dies die Wiedererlangung des Vertrauens in ihre Fähigkeit, sich in der Gesellschaft zu bewegen (z. B. Autofahren, den Bus nehmen, auf der Straße gehen oder mit Fremden in Geschäften interagieren).

Bei anderen muss das Vertrauen gestärkt werden, indem sie in der Lage sind, das potenzielle Gefahrenpotenzial einer anderen Person oder Situation einzuschätzen. Obwohl es nicht möglich ist, das Verhalten anderer Menschen zu kontrollieren, ist es möglich, die Warnsignale für Gefahr zu erkennen und zu interpretieren. Das Erlernen, wie man Gefahrensignale erkennt, erhöht die verbale und körperliche Selbstverteidigungsfähigkeit. Die Entwicklung und Anwendung von Selbstschutzfähigkeiten erfordert die Fähigkeit, dem eigenen Standpunkt zu vertrauen, unabhängiges Urteilsvermögen auszuüben und Initiative sowie Handlungen zu ergreifen. Daher ist das Wachstum dieser Fähigkeiten und das Erlangen dieses Wissens eine zentrale Aufgabe in der ersten Phase der Heilung.

Der letzte Aspekt der Sicherheitsentwicklung in der eigenen Umgebung liegt in einem sicheren und unterstützenden sozialen Netzwerk. Ein sicheres soziales Unterstützungsnetzwerk bedeutet, dass eine Person eine Gruppe von Menschen hat, die Schutz, emotionale Unterstützung oder praktische Hilfe bieten können, wenn Lebensbelastungen auftreten. Die Schaffung eines solchen Netzwerks erfordert das Erlernen, wie man gesunde Beziehungen aufbaut und aufrechterhält, und erfordert, sich von Personen zu distanzieren oder zu meiden, die potenzielle Gefahren darstellen. Dies gilt insbesondere für Personen von traumatischen Ereignissen, die durch das Verhalten anderer Menschen verursacht wurden. Wenn jemand durch das Verhalten einer anderen Person traumatisiert wurde, ist es von entscheidender Bedeutung, das fortbestehende Bedrohungspotenzial, das Risiko einer erneuten Viktimisierung oder Rache einzuschätzen und angemessene Vorsichtsmaßnahmen und Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

ETABLIERUNG INNERER SICHERHEIT

Mit zunehmender Sicherheit der Umgebung ist es möglich, sich nach innen zu wenden und die Fähigkeiten zu entwickeln, die zur Etablierung der innerer Sicherheit führen. Dabei umfasst die Schaffung von Sicherheit in sich selbst sowohl physische als auch emotionale Aspekte. Durch die Fokussierung auf die körperliche Gesundheit, indem man sich um mögliche Beschwerden kümmert, gesundheitsbewusst isst, regelmäßig Sport treibt und ausreichend schläft, wird eine Grundlage für ein ausgeglichenes inneres Leben gelegt. Auf diesem Fundament bauen die Fähigkeiten im Umgang mit Emotionen auf.

Wenn jemand Emotionen durch selbst schädigendes Verhalten wie sich Schneiden, Verbrennen oder Substanzmissbrauch zu vermeiden oder zu reduzieren versucht, müssen weniger schädliche Verhaltensweisen entwickelt werden, um das selbst schädigende Verhalten systematisch zu ersetzen und zu beenden. Einige Menschen versuchen, belastende Emotionen zu vermeiden oder zu reduzieren, indem sie ihre Gefühle über- oder unteranerkennen (z. B. eine Emotion übertrieben darstellen, um ernst genommen zu werden, oder alle Emotionen blockieren). Daher wird das Erlernen, wie man seine Emotionen erlebt, ohne ihnen zu entfliehen oder sie zu übersteigern, zu einem entscheidenden Aspekt der Heilung. Genau wie die Entwicklung von Sicherheit in der äußeren Welt das Erlernen oder Wiedererlernen einer Reihe von Fähigkeiten erfordert, gilt dies auch für das Management der inneren Welt.

DIE ANZEICHEN DES FORTSCHRITTS

Da ein Gefühl der Sicherheit eng mit Vertrauensfragen – dem Vertrauen in andere und sich selbst – verbunden ist, verläuft das Wachstum in dieser ersten Phase oft allmählich und kann eine zögerliche, stop-and-go-Qualität aufweisen. Der Betroffene wird erkennen, dass er diese erste Phase durchlaufen hat, wenn:

– Derjenige sich nicht mehr völlig verwundbar fühlt.
– Derjenige ein gewisses Maß an Vertrauen in die eigenen Selbstschutzfähigkeiten entwickelt hat.
– Derjenige in der Lage ist, emotionale Reaktionen auf Lebensereignisse und Traumaauslöser/Trigger auf gesunde und nicht schädigende Weise zu bewältigen.
– Derjenige weiß, auf wen er sich für Sicherheit und Unterstützung verlassen kann.

Obwohl es eine gewisse Zeit dauern kann, um die Aufgaben dieser Phase zu bewältigen, verlassen die Menschen letztendlich diese Phase und führen ein gesünderes, ausgeglicheneres und glücklicheres Leben. Wenn man sich auf den Heilungsweg begibt, wird man feststellen, dass dieser Weg sowohl schwierige Abschnitte als auch erfrischende Momente hat. Das Wichtigste ist, dass man erkennt, dass es möglich ist.

Rekonstruktion des Traumas: Erinnerung und Bedeutungssuche

Nachdem physische und emotionale Sicherheit hergestellt wurden, ist es möglich, sich an ein traumatisches Ereignis zu erinnern und zu trauern. In anderen Worten, es wird möglich, sich mit der Traumageschichte differenziert auseinanderzusetzen.

Die Erinnerung an das Trauma beginnt damit, das Ereignis in den eignen symbolischen Lebensverlauf einzufügen. Das Ereignis wird nicht länger unter den Teppich gekehrt oder als das bestimmende Lebenserlebnis betrachtet. Stattdessen erhält das traumatische Ereignis einen zeitlichen und räumlichen Platz im Leben. Es ist wichtig, das Leben vor dem traumatischen Ereignis zu reflektieren, die Umstände zu analysieren und zu verstehen, was zum traumatischen Ereignis geführt hat, und das Leben nach dem Ereignis wieder zu betrachten. Auch das Erinnern an die Reaktionen signifikanter anderer Personen, einschließlich derjenigen Reaktionen und Erfahrungen, die verletzend oder sogar retraumatisierend waren, ist notwendig. Diese sekundären Verletzungserfahrungen werden anerkannt, betrauert und durchgearbeitet. Durch diese Arbeit kann die persönliche Bedeutung des Traumas ans Licht kommen und von uns verstanden/bearbeitet werden.

Nachdem diese narrative Zeitlinie oder Skizze des Lebens erstellt wurde, besteht der nächste Schritt darin, das traumatische Ereignis zu rekonstruieren: die Trauma-Memory von einem erstarrten Moment des Schreckens in eine Erinnerung umzuwandeln, die Worte hat, ein Zeitgefühl vermittelt und Ihre Gefühle und Interpretationen des Ereignisses offenbart. Bei der Rekonstruktion des Ereignisses werden alle Erinnerungen genutzt, egal wie fragmentiert, detailliert oder scheinbar zufällig sie sind. Als Betroffener arbeiten Sie mit jeder Erinnerung, die Ihnen zur Verfügung steht.

Der wichtige Prozess der emotionalen Heilung: Die Bedeutung des behutsamen Vorgehens

Dieser Prozess erfolgt Stück für Stück. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass das Arbeitstempo nicht zu einem Gefühl der Machtlosigkeit oder zu einer Abwärtsspirale führt. Ein kompetenter Therapeut arbeitet mit Ihnen zusammen, um das beste Arbeitstempo festzulegen und Ihnen Mitspracherecht zu gewähren, sodass Sie mehr an Kontrolle gewinnen können. Das letztendliche Ergebnis für die meisten Leidenden besteht darin, dass ihre Traumageschichte nicht mehr von Demütigung und Scham geprägt ist, sondern von Tugendhaftigkeit und Würde.

Sobald das traumatische Ereignis erinnert und die Erinnerung klar deklariert und definiert wurde, muss getrauert werden. Eine emotionale Verbindung herzustellen, ist ein grundlegender Teil des Trauerprozesses. Das Eingehen auf die eigenen Emotionen kann beängstigend sein. Ein Teil dieser Angst entsteht, weil beispielsweise die Anerkennung des Verlorenen den Verlust bestätigt und Sie dazu auffordert, das neue Ich anzunehmen. Diese Arbeit kann endlos erscheinen, aber diese Phase der Heilung sollte weder übersprungen noch überstürzt werden.

Die Dauer dieser Phase ist bei jedem Individuum unterschiedlich. Die Psychiaterin Judith Herman schreibt, dass Betroffene wissen werden, dass sie dem Ende der Phase nahe sind, wenn:

„es dem Überlebenden in den Sinn kommt, dass das Trauma vielleicht nicht der wichtigste oder sogar interessanteste Teil seiner Lebensgeschichte ist… [er oder sie] nimmt seine eigene Geschichte zurück und verspürt erneuerte Hoffnung und Energie für eine aktive Teilnahme am Leben. Die Zeit beginnt wieder zu fließen… Die traumatische Erfahrung gehört endgültig der Vergangenheit an. An diesem Punkt steht der Überlebende vor der Aufgabe, sein gegenwärtiges Leben wieder aufzubauen und seine Ziele für die Zukunft zu verfolgen.“

Judith Herman

Diese emotionale Arbeit sollte nicht ohne die Anleitung eines qualifizierten Therapeuten durchgeführt werden, der Ihnen bei Ihrer Heilung zur Seite steht. Schon wie in vorherigen Artikeln möchte ich hier kurz nochmals betonen, dass die hier enthaltene Information als Aufklärung dienen und keine individuelle Therapie ersetzten können oder sollen.

Der Weg zur Selbstentfaltung und erfüllenden Beziehungen nach einem Trauma

Nachdem Sie die ersten beiden Phasen der Heilung durchlaufen haben, haben Sie die Möglichkeit, sich intensiver damit zu beschäftigen, ein Leben zu erschaffen, dass Sie sich wünschen, und eine Zukunft anzustreben, die Sie auch anstreben möchten. Die Fesseln der traumatischen Erfahrung beginnen abzufallen und Sie betreten einen Raum, in dem Sie ihr Leben nach Ihren eigenen Bedingungen definieren können.

Im Zentrum dieser Arbeit steht die Wiederentdeckung alter Beziehungen oder die Schaffung neuer Beziehungen, sei es familiäre Bindungen (entweder mit der biologischen Familie oder einer selbstgewählten Familie), Freundschaften, Bekanntschaften, berufliche Beziehungen und nicht zuletzt auch romantische Beziehungen. Durch die geleistete Heilungsarbeit wird der Betroffene bereit, wieder zu vertrauen und sich selbst zu lieben, sowie die Liebe anderer anzunehmen. Das Leiden anderer Personen wirkt nicht mehr überwältigend und triggert nicht mehr die eigene traumatische Erinnerung. Der Betroffene kann sich mit anderen verbinden, die Schmerzen haben; er kann die Unvollkommenheiten der Menschheit akzeptieren und auf andere zugehen. Menschen und Beziehungen sind keine Quellen mehr von Furcht oder Angst.

Auch das Selbstbild hat sich durch die vorherigen Phasen transformiert, sodass man damit beginnen kann sich selbst zu schätzen und zu pflegen. Wie ein Schmetterling, der verschiedene Entwicklungsstadien durchläuft, wird man sich während des Heilungsprozesses Entwickeln und Verwandelt. So wird es dem Betroffenen möglich, sich selbst mit Liebe zu betrachten und nicht länger nur als Opfer. Es wurde geschafft, sich über eine oder mehrere traumatische Erfahrungen hinwegzubewegen und sie zu durchleben. Es entsteht ein tiefes, unerschütterliches Wissen, dass man trotz der traumatischen Erfahrungen gewachsen ist.

Man ist nun in der Lage, sich intensiver mit Bedeutung und Zweck auseinanderzusetzen, da man durch die Heilungsphasen des Traumas gegangen ist. Es wird damit begonnen den vitalen Prozess, Bedeutung und Zweck im eigenen Leben zu entwickeln oder wiederherzustellen. Es gilt dabei zu beachten, dass es viele Möglichkeiten gibt, Bedeutung und Zweck zu schaffen (zum Beispiel sich für eine Sache einzusetzen, ehrenamtlich tätig zu sein, einem Hobby oder einer Leidenschaft nachzugehen etc.).

Ich hoffe, dieser Beitrag konnte Sie gut über das Thema Trauma und dem Umgang damit informieren. Sollten Sie betroffen sein, oder jemanden kennen der Unterstützung benötigt, dann können Sie sich selbstverständlich an mich wenden. Gerne helfe ich Ihnen.

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